Aktuelles aus Berlin

08.11.2011

Dialogtisch 2011

Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!?

Am 8. November 2011 lud die Landeskoordination Berlin zur Veranstaltung "Dialogtische" vom Antirassistisch-Interkulturellen Informationszentrum Berlin (Aric) ein. An der Veranstaltung mit dem Titel „Fatma ist emanzipiert, Michael ein Macho!?“ nahmen PädagogInnen, Berufsberaterinnen sowie eine Vertreterin eines kurdischen Vereins aus Berlin teil. 

Der Dialogtisch begann mit einer Diskussion über rigide familiäre Maßnahmen gegenüber Jugendlichen, wenn sie sich auf interethnische Liebesbeziehungen einlassen. Anhand konkreter Beispiele wurde deutlich, dass die strenge soziale Kontrolle, die vor allem Jugendliche aus konservativ-religiösen Milieus erfahren, oft eher traditionellen Statuserwartungen als religiösen Moralvorstellungen entspringt. 

Lebhaft diskutiert wurde die Frage, warum die strikte Kontrolle sexueller Freiheiten in den Medien zuerst als religiöse Konflikte interpretiert werden. Entsprechend wird häufig nur „der Islam“ und nicht die spezifischen Lebensbedingungen, Bildungsdefizite und patriarchalen Traditionen der Betroffenen problematisiert.

Einigkeit bestand darüber, dass gerade junge Mädchen aus sozial benachteiligten und traditionell geprägten türkischen oder arabischen Familien Schwierigkeiten sowohl mit den Heiratserwartungen der Familien als auch den eigenen Wünschen bezüglich Partner- und Berufswahl haben. Dass eine frühe Familiengründung viele junge Mütter im Teenageralter überfordert, deckt sich auch mit den Erfahrungen der Berufsberaterinnen – sie versuchen, die jungen Frauen mit niedrigschwelligen sozialen und beruflichen Beratungsangeboten zu unterstützen. 

Auch die geschlechtersensible Perspektive auf männliche Jugendliche in der Schule war Thema des Dialogtischs. Die These, nach der die Jungs gegenwärtig den Wettstreit mit den Mädchen um die besten Abschlüsse im Bildungssystem zu verlieren scheinen, wurde kontrovers diskutiert. Generell wurde der Einsatz geschlechtsspezifischer pädagogischer Konzepte zu den Themen Sexualität, Liebesbeziehungen und Geschlechterrollen für sinnvoll gehalten, auch wenn in der Praxis nicht immer die entsprechenden Ressourcen zur Verfügung stünden.

Ein Problem der pädagogischen Praxis ist der Umgang mit diskriminierenden Äußerungen  von Jugendlichen. Die Frage nach dem „richtigen“ Umgang konnte auch auf der Veranstaltung nicht endgültig beantwortet werden. Zwar sollten PädagogInnen nicht zu empfindlich auf Aussagen Jugendlicher reagieren, wenn sie mit ihnen über ihre Wahrnehmung von Lebensrealität diskutieren wollen. Gleichwohl kann ein gewaltfreies Schulklima aber nur entstehen, wenn diskriminierende Äußerungen problematisiert werden.